Molly Sweeny

Theaterstück von Brian Friel
gefördert vom Amt für Wissenschaft und Kunst
Inszenierung / Produktion: Theater Tamen The
Spiel: Andrea Zanaboni, Nenad Smigoc, Ivar Rabeneck


Was hat Sehen mit Verstehen zu tun und was Verstehen mit Sehen?
Molly Sweeney, im Alter von zehn Monaten erblindet, stimmt mit 36 Jahren auf Wunsch ihres Mannes einer Augenoperation zu. Doch danach verändert sich ihr Leben anders als von ihr erwartet:
Die ständigen ärztlichen Tests, die Neugierde ihrer Mitmenschen, die plötzlich auf sie einstürzende Bilderflut und der Erfolgsdruck, sich schnellstmöglich in der "Welt der Sehenden" zurechtzufinden, enttäuschen und verunsichern molly. Sie zieht sich in eine "innere" Realität zurück und findet schließlich Zuflucht in einer psychiatrischen Klinik.

Unfähig zu unterscheiden, ob die Bilder, die sie noch sieht, realer oder innerer Wahrnehmung entstammen, erzählt sie im monologischen Wechsel mit ihrem Ehemann Frank und dem operierenden Arzt Dr. Rice ihre Geschichte.

"Die Anregung zu diesem Stück verdanke ich Oliver Sacks Fallstudie "To see and Not See" und der langen, eigenartigen Tradition solcher Fallstudien." (Brain Friel)

In einer Welt der "überschießenden Bilder" bietet es das Abenteuer, andere Facetten von Sehen und Wahrnehmung zu erfahren.


Das Sehen ist nicht mehr die Möglichkeit zu sehen, sondern die Unmöglichkeit, nichts zu sehen.
(Gary Hill)

Wäre es mithin nicht angebracht, über so etwas wie ein Recht auf Blindheit nachzudenken, so wie es schon eines auf relative Taubheit gibt, zumindest jedoch das auf Senkung des Lärmpegels im öffentlichen Raum der Städte?
(Paul Virilio)

O meine armen Augen, Ihr müsst blitzen
Im Strahl der Kerzen,
Und schlieft im Dunkeln lieber aus
Von Euren Schmerzen.
(aus: Georg Büchner "Leonce und Lena")

 

PICTURES

 

FEEDBACK

"[...] Am anrührendsten ist die Geschichte der Molly Sweeney selbst. Wenn sie zurückblickt auf ihre lange Zeit der Blindheit, auf Kindheitserlebnisse und darauf, wie sie lernte sich zu orientieren, begreift man, warum sie ihre Behinderung nie als Manko empfand, sondern eher als ein Anderssein, als eine Möglichkeit die Welt zu erfahren und sie dennoch durch die Sensibilisierung der übrigen Sinnesorgane gleichsam zu sehen. Diese Anfangspassage gerät nicht zuletzt wegen der ruhigen und selbstverständlichen Erzählweise der Darstellerin Andrea Zanaboni glaubwürdig..."
(Frankfurter Rundschau)

 

INSIDE

Haben Sie schon mal zwei Stunden kerzengerade und beinahe bewegungslos auf einem Stuhl gesessen und in die Ferne gestarrt? Dann sind Sie wahrscheinlich ein Meditationsgenie...
In dieser Inszenierung wurde die ach, so liebgewonne Bilderflut, der wir heute ständig ausgesetzt sind, radikal reduziert:
Die Höhepunkte an Action waren ein an die Wand geworfenes Whiskey-Glas von Dr. Rice und zwei-, dreimaliges Aufstehen und um den Stuhl tigern von Frank. Ach ja, und ich habe einmal meinen Drehstuhl bewegt und dem Publikum den Rücken gekehrt und einmal meinen roten Mantel an mich gezogen. Das war´s. In knapp zwei Stunden Spielzeit. Bemerkenswert, dass es kaum Stimmen gab, denen dies zu wenig oder gar langweilig erschien!!

Mein Großvater war kriegsblind - aber das war für mich so normal, dass ich niemals auch nur einen Gedanken daran verschwendet hätte, ihn zu fragen, wie denn seine Welt so sei. Das habe ich bitter bereut, denn zu Probenbeginn war mein Opa bereits nicht mehr da. ...und jetzt hätte ich viele, so viele Fragen an ihn gehabt!

Ich probierte vieles aus. U.a. bastelte ich mir eine Brille, die rundum so abgeschlossen war, dass ich keinesfalls etwas sehen konnte: Heimlich blinzeln fiel aus! So ging ich dann um die Weihnachtszeit mit meinem Partner Nenad Smigoc einkaufen und einen Center-Bummel machen. Normalerweise gestikuliere ich gerne mit meinen Armen, wenn ich etwas erzähle, aber bei dem Trubel um mich herum, machte Nenad mir schnell klar, dass ich damit aufhören muss, wollte ich nicht einem armen Unbeteiligten ins Gesicht schlagen...
Überhaupt merkte ich rasch, wieviel Disziplin es bedarf, wenn dieser schnelle Sinn SEHEN entfällt. Vieles wird verlangsamt, gleichsam intensiver. In kürzester Zeit beginnt der Körper sich umzustellen und schärft Hören und Fühlen und Riechen. Als ich nach nur dreineinhalb Stunden die Brille abnahm, wurde ich von den vielen Blinklichtern und Werbungen regelrecht erschlagen. Mein erster Gedanke war "DAS soll also Besinnliches zur Weihnachtszeit sein?"

Schwieriger war es dann zu lernen, trotz meiner geöffneten Augen auf der Bühne NICHTS zu sehen, meine Wahrnehmung per Auge abzuschotten.

Ich mochte Molly sehr: Eine starke Frau, liebevoll, großzügig und tapfer.
...und sie hatte all die Ruhe in sich, die ich in meinem Privatleben immer wieder mühsam suchte.

 

plakat molly sweeney